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  • "Über´m Berg; Sehnsucht nach Leben" Ein Projekt macht Schlagzeilen.
    Die Projektbeschreibung und eine Pressemitteilung stehen zum Download bereit.

    Es erscheint auch eine Buchveröffentlichung und ein Dokumentarfilm. Mehr Informationen auch beim Projektkoordinator Jürgen Fais unter der Telefonnummer +49-(0) 172 900 5888
 
  • "Lebensträume" von Jürgen Fais hier als pdf Dokument zum Download
 
  • Folgender Artikel ist in der Kreuzbund Broschüre "Weggefährte", Ausgabe Nr.5 September/Oktober 2002, erschienen:
 

Erlebnisorientierte Angebote in der Selbsthilfe


Neue Attraktivität für junge Menschen?

Im Behandlungsverbund Suchtkranker I ist die Selbsthilfe ein wichtiges Glied und nimmt einen festen Platz ein.

Trotz einer Zunahme der Suchtmittelabhängigen ist innerhalb der traditionellen Selbsthilfe- und Abstinenzverbände eine Stagnation oder sogar ein Rückgang der Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Häufig wird auch über eine Veralterung und über eine fehlende "junge Generation" geklagt. (Nach Angaben von Simon & Janßen, 1997, sind drei von vier Mitgliedern in Selbsthilfegruppen älter als 40 Jahre.)

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es im folgenden nicht in meinem Interesse liegt, eine Altersdefinition von "jungen Menschen" zu geben, sondern vielmehr möchte ich aufzeigen, welche inhaltlichen Alternativen es neben der bestehenden Selbsthilfearbeit gibt. Hierbei insbesondere der erlebnisorientierte Ansatz, der als Ergänzung und nicht als Konkurrenz zur traditionellen Arbeit verstanden wird. Damit Selbsthilfe auch für junge Menschen attraktiv bleibt, müssen sich die Angebote verändern. Kreative, erlebnis- und handlungsbezogene Angebote sollten berücksichtigt und mit in die Selbsthilfe einbezogen werden. Im Rahmen der gemeinsamen Freizeitgestaltung können Mitglieder von Selbsthilfegruppen dabei erleben, dass diese Aktivitäten auch nüchtern und clean Spaß machen.

Junge Abhängige sind weniger an Gesprächsgruppen, sondern vielmehr an aktionsorientierten Angeboten interessiert. Reine Gesprächsgruppen sind demnach für sie weniger attraktiv. Erlebnisorientierte Gruppen sind somit die konsequente Umsetzung jugendgerechter Selbsthilfe. Erlebnisorientiert muss dabei nicht bedeuten, dass aufwändige und kostenintensive Unternehmungen durchgeführt werden, sondern kann bereits durch die Aufnahme einzelner körper und erlebnisorientierter, auch nonverbaler Elemente, im üblichen Gruppensetting Umsetzung finden. Eine derartige Gestaltung von Selbsthilfe mit suchtmittelfreien Freizeitangeboten mit Gleichaltrigen kann somit für junge Betroffene von großer Bedeutung sein. Einzelne erlebnis- und aktionsorientierte Selbsthilfeangebote werden bereits mit gutem Erfolg praktiziert.


Erlebnispädagogische versus erlebnisorientierte Angebote

Trotz zahlreicher Versuche hat man sich bis heute bei der Erlebnispädagogik über keine einheitliche Begriffsdefinition verständigen können.

Im Zentrum aller erlebnispädagogischen Ansätze steht der Gedanke, einen ganzheitlichen, alle Sinne ansprechenden und vom aktiven Handeln der Lernenden getragenen Lernprozess zu inszenieren. Erlebnispädagogik zielt primär auf die Entwicklung einer autonomen, (selbst-)verantwortlichen und sozial kompetenten Persönlichkeit und sekundär auf die Vermittlung von spezifischem Wissen und spezifischen Fähigkeiten (vgl. Sommerfeld, 1998).

Hierbei unterscheidet man zwischen persönlichkeitsbildenden Zielen (z. B. Autonomie, Selbstvertrauen, Verantwortung, Selbstüberwindung), sozialen und interaktiven Zielen (z. B. Vertrauen, Kommunikation, Kritikfähigkeit) und gesellschaftsintegrativen Zielen (z. B. Wiederherstellung der Arbeits- und Sozialfähigkeit).

Drei Modelle prägen die erlebnispädagogische Landschaft:

1. The Mountains Speak for Themselves
Aktions-Modell, vor allem Abenteuer und Wagnisse in der Natur, im Prinzip keine Reflexion, Voraussetzung impliziter Wirkung außergewöhnlicher Erlebnisse.

2. Outward Bounds plus, Handlungsreflexionsmodell
Flexibler Ort, Natur wie Stadt, im Anschluss an die Aktivität findet eine Auswertung zur Bewusstmachung und Veränderung statt.

3. Metaphorisches Modell, Dreischrittmodell: Einführung - Aktion - Reflexion
Trotz der Unterschiedlichkeit können die drei Modelle in derselben Maßnahme zum Einsatz kommen. Der entscheidende Unterschied zwischen den Modellen besteht in der programmatischen Reflexion, welche bei Modell 2 + 3 als unverzichtbares Element angesehen wird.

Bei den von mir durchgeführten erlebnisorientierten Angeboten steht bei allen Aktivitäten das Erlebnis im Vordergrund. Die (sportlichen) Leistungen ("schneller, weiter, höher") und insbesondere der damit verbundene Druck sind eher kontraproduktiv und versperren den Blick für das Wesentliche. Allerdings möchte ich dies nicht bei allen Aktivitäten ausschließen (z. B. bei einem Volkslauf). Das Ziel bestimmt der Teilnehmer, wobei sicherlich eine kritische Reflexion der Zielvorstellung nötig ist. Ich setze hierbei auf die Kraft des Erlebens und auf den Generalisierungseffekt positiver Erlebnisqualitäten. Ausgehend davon,
wonach auch noch so negative Erlebnisse und Erfahrungen, wie z. B. die Suchtmittelabhängigkeit, durch positive Erlebnisse und Erfahrungen zumindest korrigiert werden können. Eine anschließende programmatische Reflexion halte ich für nicht notwendig, da über das Erlebte "freiwillig" gesprochen wird.

Der erlebnispädagogische Ansatz beinhaltet auch einen sehr starken Erziehungsaspekt (Pädagogik) und findet sich in der Regel in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wieder. Erlebnisorientierte Angebote in der Suchtmittel- und Selbsthilfearbeit konzentrieren sich ausschließlich auf Erwachsene und haben eher einen Bildungs- als einen erzieherischen Auftrag.

Erlebnisorientierte Angebote am Beispiel des "Netzwerk: Gesundheit-Sport-Erlebnis"

Der Ansatzpunkt von Bewegung, Sport und Erlebnis zur Förderung des Selbsthilfepotentials in der Nachsorge Suchtkranker ist ein Konzept, welches in erster Linie auf Körper und Selbsterfahrung sowie auf Kommunikation und Interaktion abzielt. Grundlage für die Selbsterfahrung im Kontakt mit anderen sind eine Orientierung an den Ressourcen der Betroffenen, deren gesunden und konstruktiven Fähigkeiten (vgl. Fais 1998, Kleinschmidt 1996).

Im Sinne einer aktiven Haltung und Einstellung gestalten die Teilnehmer der Angebote ihre Freizeit aus eigenem Antrieb. Die Gruppenangebote sollen Selbsthilfeprozesse anregen, indem Bewegen und Handeln in eigener Sache Grundlage für die Selbsterfahrung und den daraus resultierenden Veränderungen sind. Neben einer gesundheitsorientierten Gestaltung der freien Zeit kommt es zu Kontakten und Austausch mit anderen Betroffenen (Turk, 2002).

Die Rolle des Übungsleiters

Nicht jeder ist qualifiziert zum Übungsleiter oder traut sich diese Funktion zu. Wichtig ist das Angebot und das miteinander Tun und Erleben. Die meisten Menschen verfügen über Ressourcen und Fähigkeiten, deren sie sich nicht schämen brauchen, diese anderen zugänglich zu machen. Gerade im sportiven Bewegungsbereich gilt die Niedrigschwelligkeit. Der Zugang zu den Angeboten sollte für alle erreichbar sein und nicht nur für eine bestimmte Alters- und Zielgruppe. Einfachste Wanderungen sind für jeden machbar.

Auch sollte man sich nicht scheuen, sportspezifische professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dies können Fachübungsleiter, aber auch Sportlehrer/Studenten sein. Die Selbsthilfeprinzipien wie Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Freiwilligkeit und Mitgestaltung sollen dabei beachtet werden. Im Gegensatz zum oftmals ausgeprägten Machtgefälle zwischen Professionellen und Betroffenen im klinischen Kontext wird im Rahmen von Selbsthilfeaktivitäten ein partnerschaftliches Miteinander angestrebt. Der Anleiter zeigt als aktives Gruppenmitglied wenig dirigierendes Verhalten, sondern stellt sich mit seines Kompetenz zur Verfügung. Die Bearbeitung von auftretenden Schwierigkeiten wird den Teilnehmern zugetraut. Zu Entwicklung einer Selbsthilfe-Atmosphäre sind in der Arbeit mit Suchtkranker (und dies gilt bei jungen Abhängigen umso mehr) klare Rahmenbedingungen (z. B. terminlich und inhaltlich strukturierte Vorgaben) und eine festgelegte Zeitstruktur notwendig (vgl. Deimel 1985, 9-10).

"Netzwerk: Gesundheit, Sport und Erlebnis"

Das Programm "Netzwerk: GesundheitSport - Erlebnis" versteht sich als Kooperationsgemeinschaft des Reha-Zentrum Köln (SKM) und der Caritas Suchthilfe RheinBerg sowie dem Diözesan-Caritasverband Köln. Im Vordergrund aller Angebote steht das Erlebnis, sportliche Aktivität und ein gesundes bewusstes Leben. Es richtet sich an abstinent orientierte Menschen aus dem Suchtmittelbereich. Es wird hierbei nicht zwischen den einzelnen Suchtmitteln unterschieden, sondern es versteht sich als integrativer Ansatz. Auch das Alter spielt keine Rolle. Die "Eintrittskarte" zu allen Aktivitäten ist die Abstinenz und die Lust, mit anderen Menschen das Angebotene auszuprobieren. Gesonderte Teilnehmerkriterien ergeben sich aus dem Programm.

Mit verschiedensten Gruppenangeboten fördert das Netzwerk die aktive und gesundheitsorientierte Freizeitgestaltung. Suchtkranke, denen im Laufe der Jahre oft der Blick für eine bewegungsreiche und aktive Lebensgestaltung verloren ging, bekommen die Möglichkeit zur konstruktiven Auseinandersetzung innerhalb einer Gruppe Gleichgesinnter. Die konkret angebotenen Gruppenaktivitäten sollen die Teilnehmer bei der Verwirklichung positiver Erfahrungen zur Entwicklung neuer Perspektiven und Ziele unterstützen. Im folgenden werden einige der genannten Gruppenaktivitäten näher skizziert.

Sportgruppe

Die Sportgruppe als wöchentliches Bewegungsangebot findet in Kooperation mit der Turnerschaft Bergisch Gladbach 1879 e.V. statt und ist seit vielen Jahren ein Begegnungsraum für Suchtkranke. Der Spaß am gemeinsamen Spiel (z.B. Volleyball; kleine Spiele) wird ebenso gefördert, wie die Hauptbeanspruchungsformen Ausdauer, Kraft, Flexibilität, Koordination und Schnelligkeit (Froböse u. Nellesen, 1998). Daneben ist der Um
gang mit der eigenen Sucht und unterschiedlichen Stimmungslagen ein immer wiederkehrendes Thema.

Fitnessgruppe

Im Rahmen der Fitnessgruppe steht die Kraft-, Ausdauer- und Gesundheitsförderung im Vordergrund. In einem angemieteten Gruppentrainingsraum findet ein wöchentliches Fitnesstraining statt. Eine Mischung aus Gruppen-, Partnerund individualisiertem Einzeltraining fördert gezielt die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit. Die vorhandenen Kraft- und Ausdauergeräte werden in vorgegebenen und freien Trainingsinhalten eingesetzt und durch spezielle Funktionsgymnastik unterstützt (Froböse u. Nellesen 1998). Die Zielsetzungen liegen dabei in einem gesundheitlich sinnvollen Umgang mit Belastungsintensitäten unter Beachtung individueller körperlicher Belastungsgrenzen. Dies erfordert die Einbeziehung von Körperwahrnehmungsprozessen, um Körpersignale wahrzunehmen und korrekt zu deuten, was suchtmittelabhängigen Menschen häufig schwer fällt.

Klettertreff

Der Klettertreff findet regelmäßig in einer öffentlichen Kletterhalle statt. Neben der Einführung in die Grundlagen des Hallenkletterns und der Sicherungstechniken werden die Möglichkeiten des Kletterns genutzt, um z. B. Ängste zu überwinden, Erfolge zu erleben und jemandem zu vertrauen bzw. Verantwortung für andere zu übernehmen.

Lauftreff

Der Lauftreff wird regelmäßig von Anfängern und Fortgeschrittenen besucht und findet unter dem Motto "Laufen ohne zu schnaufen" statt. Neben den erwünschten Effekten von aerober Ausdauerbelastung erfahren die Teilnehmer vor allem die positive Beeinflussung ihrer Stimmung und des Wohlbefindens durch Laufen.

Segeln

Bei den eintägigen Segelaktionen, die in Kooperation mit dem Verein "Segeln für Behinderte e.V." aus Köln durchgeführt werden, lernen die Teilnehmer eine attraktive Teamsportart kennen und erweitern ihren Erlebnishorizont. Über den Segelverein besteht die Möglichkeit, kostengünstig einen Segelschein (DSV A-Schein) zu erwerben.

Inline-Skating

In zweitägigen Einstiegskursen werden unter fachlicher Anleitung die grundlegenden Fahr-, Brems- und Falltechniken vermittelt. Die Teilnehmer erfahren durch die methodische Einführung schnelle Erfolgserlebnisse, vorhandene Ängste wer den relativ rasch überwunden (Schaar 1999). Unter Gleichgesinnten fällt es leichter, seine Fähigkeiten und Grenzen zu erkennen und positiv zu beeinflussen. Der Kurs dient als Einstieg in ein neues attraktives Bewegungs- und Beschäftigungsfeld, welches später auch individuell weiter fortgeführt werden kann.

Freizeitprojekte/Fahrten

Mehrmals im Jahr werden erlebnisorientierte Fahrten (in der Regel während der Schulferien) angeboten, bei denen die Bewegung und das Erlebnis im Vordergrund steht - Bergwandern und -steigen in den Alpen, Kanu- und Radfahren. Den Teilnehmern bietet dies die Möglichkeit, sich neue Ziele zu setzen, sich Herausforderungen in bisher unbekannten Situationen zu stellen, aber vielleicht auch nur einfach mal abzuschalten und zu entspannen. Die Unterbringung vor Ort erfolgt in Zelten auf einem Campingplatz oder in Ferienwohnungen. Um die Mitgestaltung und Mitverantwortung für das Gelingen der Aktion zu fördern, werden jeweils nur die Rahmenbedingungen vorbereitet und weitgehend festgelegt. Die Gruppe trägt Verantwortung für das Gelingen der Freizeit.

Übergeordnete Aspekte

Die Netzwerkpartner fördern in einer zusammenfassenden Betrachtung die Selbsthilfeaktivitäten von Suchtkranken, die sich zu sport- und erlebnisspezifischen Gruppen zusammenfinden. Vor allem in der Anfangsphase solcher Aktivitäten ist eine strukturierende Hilfe in Form von Beratung und Beschaffung von Materialien notwendig. Daneben gilt es, einen regelmäßigen Informationsaustausch mit den am Netzwerk beteiligten Institutionen und Mitarbeitern zu gewährleisten.

Zusammenfassung:

Aktions- und erlebnisorientierte Angebote stehen nicht in Konkurrenz zur traditionellen Selbsthilfearbeit, sondern dienen der Angebotserweiterung. Positive Erfahrungen zeigt die Kooperationsgemeinschaft: "Netzwerk: Gesundheit, Sport und Erlebnis", welches cleane, integrative und handlungsorientierte Aktivitäten im (post-)stationären Bereich anbietet. Dabei spielt die "Drogenzugehörigkeit" keine Rolle, sondern ausschlaggebend ist die Abstinenz und das Interesse an der Aktivität.

Notwendige Veränderungen brauchen Zeit. Die Voraussetzungen dafür müssen geschaffen werden. Dazu gehört die Erweiterung der Handlungsressourcen und das Engagement in der Startphase. Zu empfehlen sind Fortbildungen, die theoretische Hintergründe und praktische Beispiele aufzeigen, wie Erlebnis, Sport und Bewegung innerhalb der Selbsthilfearbeit integriert werden kann. Außerdem eine kontinuierliche Begleitung in Form der Praxisberatung.

Autor:
Jürgen Fais, Jg. 1965, Dipl. Sozialpädagoge,
Supervisor, NLP-Practitioner, Nachsorgereferent SKM Köln,
Mitgründer des "Netzwerk: Gesundheit-Sport-Erlebnis".

Kontakt:
Reha-Zentrum (SKM) Franzstr. 8-10
50931 Köln
Tel.: 02 21 / 94 06 50
Fax: 02 21 / 9 49 65 22
E-mail: fais@gesundheit-sport-erlebnis.de