| Erlebnisorientierte
Angebote in der Selbsthilfe
Neue Attraktivität für junge
Menschen?
Im Behandlungsverbund Suchtkranker I ist die Selbsthilfe
ein wichtiges Glied und nimmt einen festen Platz ein.
Trotz einer Zunahme
der Suchtmittelabhängigen ist innerhalb der traditionellen
Selbsthilfe- und Abstinenzverbände eine Stagnation
oder sogar ein Rückgang der Mitgliederzahlen zu verzeichnen.
Häufig wird auch über eine Veralterung und über
eine fehlende "junge Generation" geklagt. (Nach
Angaben von Simon & Janßen, 1997, sind drei von
vier Mitgliedern in Selbsthilfegruppen älter als 40
Jahre.)
Ich möchte
an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es im folgenden
nicht in meinem Interesse liegt, eine Altersdefinition von
"jungen Menschen" zu geben, sondern vielmehr möchte
ich aufzeigen, welche inhaltlichen Alternativen es neben
der bestehenden Selbsthilfearbeit gibt. Hierbei insbesondere
der erlebnisorientierte Ansatz, der als Ergänzung und
nicht als Konkurrenz zur traditionellen Arbeit verstanden
wird. Damit Selbsthilfe auch für junge Menschen attraktiv
bleibt, müssen sich die Angebote verändern. Kreative,
erlebnis- und handlungsbezogene Angebote sollten berücksichtigt
und mit in die Selbsthilfe einbezogen werden. Im Rahmen
der gemeinsamen Freizeitgestaltung können Mitglieder
von Selbsthilfegruppen dabei erleben, dass diese Aktivitäten
auch nüchtern und clean Spaß machen.
Junge Abhängige
sind weniger an Gesprächsgruppen, sondern vielmehr
an aktionsorientierten Angeboten interessiert. Reine Gesprächsgruppen
sind demnach für sie weniger attraktiv. Erlebnisorientierte
Gruppen sind somit die konsequente Umsetzung jugendgerechter
Selbsthilfe. Erlebnisorientiert muss dabei nicht bedeuten,
dass aufwändige und kostenintensive Unternehmungen
durchgeführt werden, sondern kann bereits durch die
Aufnahme einzelner körper und erlebnisorientierter,
auch nonverbaler Elemente, im üblichen Gruppensetting
Umsetzung finden. Eine derartige Gestaltung von Selbsthilfe
mit suchtmittelfreien Freizeitangeboten mit Gleichaltrigen
kann somit für junge Betroffene von großer Bedeutung
sein. Einzelne erlebnis- und aktionsorientierte Selbsthilfeangebote
werden bereits mit gutem Erfolg praktiziert.
Erlebnispädagogische versus erlebnisorientierte
Angebote
Trotz zahlreicher
Versuche hat man sich bis heute bei der Erlebnispädagogik
über keine einheitliche Begriffsdefinition verständigen
können.
Im Zentrum aller
erlebnispädagogischen Ansätze steht der Gedanke,
einen ganzheitlichen, alle Sinne ansprechenden und vom aktiven
Handeln der Lernenden getragenen Lernprozess zu inszenieren.
Erlebnispädagogik zielt primär auf die Entwicklung
einer autonomen, (selbst-)verantwortlichen und sozial kompetenten
Persönlichkeit und sekundär auf die Vermittlung
von spezifischem Wissen und spezifischen Fähigkeiten
(vgl. Sommerfeld, 1998).
Hierbei unterscheidet
man zwischen persönlichkeitsbildenden Zielen (z. B.
Autonomie, Selbstvertrauen, Verantwortung, Selbstüberwindung),
sozialen und interaktiven Zielen (z. B. Vertrauen, Kommunikation,
Kritikfähigkeit) und gesellschaftsintegrativen Zielen
(z. B. Wiederherstellung der Arbeits- und Sozialfähigkeit).
Drei Modelle
prägen die erlebnispädagogische Landschaft:
1. The Mountains
Speak for Themselves
Aktions-Modell, vor allem Abenteuer und Wagnisse in der
Natur, im Prinzip keine Reflexion, Voraussetzung impliziter
Wirkung außergewöhnlicher Erlebnisse.
2. Outward Bounds plus, Handlungsreflexionsmodell
Flexibler Ort, Natur wie Stadt, im Anschluss an die Aktivität
findet eine Auswertung zur Bewusstmachung und Veränderung
statt.
3. Metaphorisches Modell, Dreischrittmodell: Einführung
- Aktion - Reflexion
Trotz der Unterschiedlichkeit können die drei Modelle
in derselben Maßnahme zum Einsatz kommen. Der entscheidende
Unterschied zwischen den Modellen besteht in der programmatischen
Reflexion, welche bei Modell 2 + 3 als unverzichtbares Element
angesehen wird.
Bei den von mir
durchgeführten erlebnisorientierten Angeboten steht
bei allen Aktivitäten das Erlebnis im Vordergrund.
Die (sportlichen) Leistungen ("schneller, weiter, höher")
und insbesondere der damit verbundene Druck sind eher kontraproduktiv
und versperren den Blick für das Wesentliche. Allerdings
möchte ich dies nicht bei allen Aktivitäten ausschließen
(z. B. bei einem Volkslauf). Das Ziel bestimmt der Teilnehmer,
wobei sicherlich eine kritische Reflexion der Zielvorstellung
nötig ist. Ich setze hierbei auf die Kraft des Erlebens
und auf den Generalisierungseffekt positiver Erlebnisqualitäten.
Ausgehend davon,
wonach auch noch so negative Erlebnisse und Erfahrungen,
wie z. B. die Suchtmittelabhängigkeit, durch positive
Erlebnisse und Erfahrungen zumindest korrigiert werden können.
Eine anschließende programmatische Reflexion halte
ich für nicht notwendig, da über das Erlebte "freiwillig"
gesprochen wird.
Der erlebnispädagogische
Ansatz beinhaltet auch einen sehr starken Erziehungsaspekt
(Pädagogik) und findet sich in der Regel in der Arbeit
mit Kindern und Jugendlichen wieder. Erlebnisorientierte
Angebote in der Suchtmittel- und Selbsthilfearbeit konzentrieren
sich ausschließlich auf Erwachsene und haben eher
einen Bildungs- als einen erzieherischen Auftrag.
Erlebnisorientierte
Angebote am Beispiel des "Netzwerk: Gesundheit-Sport-Erlebnis"
Der Ansatzpunkt
von Bewegung, Sport und Erlebnis zur Förderung des
Selbsthilfepotentials in der Nachsorge Suchtkranker ist
ein Konzept, welches in erster Linie auf Körper
und Selbsterfahrung sowie auf Kommunikation und Interaktion
abzielt. Grundlage für die Selbsterfahrung im Kontakt
mit anderen sind eine Orientierung an den Ressourcen der
Betroffenen, deren gesunden und konstruktiven Fähigkeiten
(vgl. Fais 1998, Kleinschmidt 1996).
Im Sinne einer
aktiven Haltung und Einstellung gestalten die Teilnehmer
der Angebote ihre Freizeit aus eigenem Antrieb. Die Gruppenangebote
sollen Selbsthilfeprozesse anregen, indem Bewegen und Handeln
in eigener Sache Grundlage für die Selbsterfahrung
und den daraus resultierenden Veränderungen sind. Neben
einer gesundheitsorientierten Gestaltung der freien Zeit
kommt es zu Kontakten und Austausch mit anderen Betroffenen
(Turk, 2002).
Die
Rolle des Übungsleiters
Nicht jeder ist
qualifiziert zum Übungsleiter oder traut sich diese
Funktion zu. Wichtig ist das Angebot und das miteinander
Tun und Erleben. Die meisten Menschen verfügen über
Ressourcen und Fähigkeiten, deren sie sich nicht schämen
brauchen, diese anderen zugänglich zu machen. Gerade
im sportiven Bewegungsbereich gilt die Niedrigschwelligkeit.
Der Zugang zu den Angeboten sollte für alle erreichbar
sein und nicht nur für eine bestimmte Alters- und Zielgruppe.
Einfachste Wanderungen sind für jeden machbar.
Auch sollte man
sich nicht scheuen, sportspezifische professionelle Hilfe
in Anspruch zu nehmen. Dies können Fachübungsleiter,
aber auch Sportlehrer/Studenten sein. Die Selbsthilfeprinzipien
wie Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Freiwilligkeit
und Mitgestaltung sollen dabei beachtet werden. Im Gegensatz
zum oftmals ausgeprägten Machtgefälle zwischen
Professionellen und
Betroffenen im klinischen Kontext wird im Rahmen von Selbsthilfeaktivitäten
ein partnerschaftliches Miteinander angestrebt. Der Anleiter
zeigt als aktives Gruppenmitglied wenig dirigierendes Verhalten,
sondern stellt sich mit seines Kompetenz zur Verfügung.
Die Bearbeitung von auftretenden Schwierigkeiten wird den
Teilnehmern zugetraut. Zu Entwicklung einer Selbsthilfe-Atmosphäre
sind in der Arbeit mit Suchtkranker (und dies gilt bei jungen
Abhängigen umso mehr) klare Rahmenbedingungen (z. B.
terminlich und inhaltlich strukturierte Vorgaben) und eine
festgelegte Zeitstruktur notwendig (vgl. Deimel 1985, 9-10).
"Netzwerk:
Gesundheit, Sport und Erlebnis"
Das Programm
"Netzwerk: GesundheitSport - Erlebnis" versteht
sich als Kooperationsgemeinschaft des Reha-Zentrum Köln
(SKM) und der Caritas Suchthilfe RheinBerg sowie dem Diözesan-Caritasverband
Köln. Im Vordergrund aller Angebote steht das Erlebnis,
sportliche Aktivität und ein gesundes bewusstes Leben.
Es richtet sich an abstinent orientierte Menschen aus dem
Suchtmittelbereich. Es wird hierbei nicht zwischen den einzelnen
Suchtmitteln unterschieden, sondern es versteht sich als
integrativer Ansatz. Auch das Alter spielt keine Rolle.
Die "Eintrittskarte" zu allen Aktivitäten
ist die Abstinenz und die Lust, mit anderen Menschen das
Angebotene auszuprobieren.
Gesonderte Teilnehmerkriterien ergeben sich aus dem Programm.
Mit verschiedensten
Gruppenangeboten fördert das Netzwerk die aktive und
gesundheitsorientierte Freizeitgestaltung. Suchtkranke,
denen im Laufe der Jahre oft der Blick für eine bewegungsreiche
und aktive Lebensgestaltung verloren ging, bekommen die
Möglichkeit zur konstruktiven Auseinandersetzung innerhalb
einer Gruppe Gleichgesinnter. Die konkret angebotenen Gruppenaktivitäten
sollen die Teilnehmer bei der Verwirklichung positiver Erfahrungen
zur Entwicklung neuer Perspektiven und Ziele unterstützen.
Im folgenden werden einige der genannten Gruppenaktivitäten
näher skizziert.
Sportgruppe
Die Sportgruppe als wöchentliches Bewegungsangebot
findet in Kooperation mit der Turnerschaft Bergisch Gladbach
1879 e.V. statt und ist seit vielen Jahren ein Begegnungsraum
für Suchtkranke. Der Spaß am gemeinsamen Spiel
(z.B. Volleyball; kleine Spiele) wird ebenso gefördert,
wie die Hauptbeanspruchungsformen Ausdauer, Kraft, Flexibilität,
Koordination und Schnelligkeit (Froböse u. Nellesen,
1998). Daneben ist der Um
gang mit der eigenen Sucht und unterschiedlichen Stimmungslagen
ein immer wiederkehrendes Thema.
Fitnessgruppe
Im Rahmen der Fitnessgruppe steht die Kraft-, Ausdauer-
und Gesundheitsförderung im Vordergrund. In einem angemieteten
Gruppentrainingsraum findet ein wöchentliches Fitnesstraining
statt. Eine Mischung aus Gruppen-, Partnerund individualisiertem
Einzeltraining fördert gezielt die Gesundheit und die
Leistungsfähigkeit.
Die vorhandenen Kraft- und Ausdauergeräte werden in
vorgegebenen und freien Trainingsinhalten eingesetzt und
durch spezielle Funktionsgymnastik unterstützt (Froböse
u. Nellesen 1998). Die Zielsetzungen liegen dabei in einem
gesundheitlich sinnvollen Umgang mit Belastungsintensitäten
unter Beachtung individueller körperlicher Belastungsgrenzen.
Dies erfordert die Einbeziehung von Körperwahrnehmungsprozessen,
um Körpersignale wahrzunehmen und korrekt zu deuten,
was suchtmittelabhängigen Menschen häufig schwer
fällt.
Klettertreff
Der Klettertreff findet regelmäßig in einer öffentlichen
Kletterhalle statt. Neben der Einführung in die Grundlagen
des Hallenkletterns und der Sicherungstechniken werden die
Möglichkeiten des Kletterns genutzt, um z. B. Ängste
zu überwinden, Erfolge zu erleben und jemandem zu vertrauen
bzw. Verantwortung für andere zu übernehmen.
Lauftreff
Der Lauftreff wird regelmäßig von Anfängern
und Fortgeschrittenen besucht und findet unter dem Motto
"Laufen ohne zu schnaufen" statt. Neben den erwünschten
Effekten von aerober Ausdauerbelastung erfahren die Teilnehmer
vor allem die positive Beeinflussung ihrer Stimmung und
des Wohlbefindens durch Laufen.
Segeln
Bei den eintägigen Segelaktionen, die in Kooperation
mit dem Verein "Segeln für Behinderte e.V."
aus Köln durchgeführt werden, lernen die Teilnehmer
eine attraktive Teamsportart kennen und erweitern ihren
Erlebnishorizont. Über den Segelverein besteht die
Möglichkeit, kostengünstig einen Segelschein (DSV
A-Schein) zu erwerben.
Inline-Skating
In zweitägigen Einstiegskursen werden unter fachlicher
Anleitung die grundlegenden Fahr-, Brems- und Falltechniken
vermittelt. Die Teilnehmer erfahren durch die methodische
Einführung schnelle Erfolgserlebnisse, vorhandene Ängste
wer den relativ rasch überwunden (Schaar 1999). Unter
Gleichgesinnten fällt es leichter, seine Fähigkeiten
und Grenzen zu erkennen und positiv zu beeinflussen. Der
Kurs dient als Einstieg in ein neues attraktives Bewegungs-
und Beschäftigungsfeld, welches später auch individuell
weiter fortgeführt werden kann.
Freizeitprojekte/Fahrten
Mehrmals im
Jahr werden erlebnisorientierte Fahrten (in der Regel während
der Schulferien) angeboten, bei denen die Bewegung und das
Erlebnis im Vordergrund steht - Bergwandern und -steigen
in den Alpen, Kanu- und Radfahren. Den Teilnehmern bietet
dies die Möglichkeit, sich neue Ziele zu setzen, sich
Herausforderungen in bisher unbekannten Situationen zu stellen,
aber vielleicht auch nur einfach mal abzuschalten und zu
entspannen. Die Unterbringung vor Ort erfolgt in Zelten
auf einem Campingplatz oder in Ferienwohnungen. Um die Mitgestaltung
und Mitverantwortung für das Gelingen der Aktion zu
fördern, werden jeweils nur die Rahmenbedingungen vorbereitet
und weitgehend festgelegt. Die Gruppe trägt Verantwortung
für das Gelingen der Freizeit.
Übergeordnete
Aspekte
Die Netzwerkpartner
fördern in einer zusammenfassenden Betrachtung die
Selbsthilfeaktivitäten von Suchtkranken, die sich zu
sport- und erlebnisspezifischen Gruppen zusammenfinden.
Vor allem in der Anfangsphase solcher Aktivitäten ist
eine strukturierende Hilfe in Form von Beratung und Beschaffung
von Materialien notwendig. Daneben gilt es, einen regelmäßigen
Informationsaustausch mit den am Netzwerk beteiligten Institutionen
und Mitarbeitern zu gewährleisten.
Zusammenfassung:
Aktions- und
erlebnisorientierte Angebote stehen nicht in Konkurrenz
zur traditionellen Selbsthilfearbeit, sondern dienen der
Angebotserweiterung. Positive Erfahrungen zeigt die Kooperationsgemeinschaft:
"Netzwerk: Gesundheit, Sport und Erlebnis", welches
cleane, integrative und handlungsorientierte Aktivitäten
im (post-)stationären Bereich anbietet. Dabei spielt
die "Drogenzugehörigkeit" keine Rolle, sondern
ausschlaggebend ist die Abstinenz und das Interesse an der
Aktivität.
Notwendige Veränderungen
brauchen Zeit. Die Voraussetzungen dafür müssen
geschaffen werden. Dazu gehört die Erweiterung der
Handlungsressourcen und das Engagement in der Startphase.
Zu empfehlen sind Fortbildungen, die theoretische Hintergründe
und praktische Beispiele aufzeigen, wie Erlebnis, Sport
und Bewegung innerhalb der Selbsthilfearbeit integriert
werden kann. Außerdem eine kontinuierliche Begleitung
in Form der Praxisberatung.
Autor:
Jürgen Fais, Jg. 1965, Dipl. Sozialpädagoge,
Supervisor, NLP-Practitioner, Nachsorgereferent SKM Köln,
Mitgründer des "Netzwerk: Gesundheit-Sport-Erlebnis".
Kontakt:
Reha-Zentrum (SKM) Franzstr. 8-10
50931 Köln
Tel.: 02 21 / 94 06 50
Fax: 02 21 / 9 49 65 22
E-mail:
fais@gesundheit-sport-erlebnis.de
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